Hören ist nicht gleich verstehen

Hören ist nicht gleich Verstehen. So sind Schwerhörige ja nicht taub, sondern hören noch, aber eben nicht mehr alles. Doch schon ein kleiner Hörverlust kann das Verstehen beeinträchtigen. Schnell werden Gespräche mit mehreren Personen zu einem anstrengenden Hör-Marathon. Hörbeeinträchtigte leisten hier doppelte Arbeit: Sie hören angestrengt zu, weil sie merken, dass sie nicht alles verstehen. Gleichzeitig muss ihr Gehirn die inzwischen fehlenden Töne ausgleichen. War von einem Ei die Sprache oder von einem Eis? Von einem Haus oder einer Maus? Aus dem Zusammenhang versucht das Gehirn, auf das richtige Wort zu schließen – aber mit welcher Anstrengung!

Frequenzen und Verluste

Hörbeeinträchtige hören in bestimmten Frequenzen/Tonhöhen die leisen Töne oder Signale nicht mehr. Meistens sind zuerst die hohen Frequenzen/Töne betroffen. In den hohen Frequenzen artikulieren wir aber - wie die Sprachbanane zeigt - Konsonanten wie F oder S. Hören wir diese nicht mehr, wird aus Eis ein Ei. Die Hörbeeinträchtigten nahmen auf dieser Frequenz mittellaute Signale nur noch leise wahr. Eis wird also nur dann verstanden, wenn der Sprecher das S besonders betont – was selten passiert.

Gleichzeitig sind aber oft für den Schwerhörigen die lauten Töne wie bei normalhörenden Personen immer noch laut. Das irritiert das Gehirn über die Maßen. Auch die Umwelt reagiert nicht selten überrascht. Ein Beispiel: Der Großvater hört nicht mehr gut und bittet seinen Enkel, das Gesagte zu wiederholen. Nach mehrmaligem Wiederholen verliert der Enkel die Geduld und redet sehr laut. Der Großvater zuckt zusammen: „Nicht so laut!“ Denn die lauten Töne tun ihm genauso weh wie einem Normalhörenden. Man müsste nur die leise gewordenen Frequenzen verstärken – das kann das Gegenüber, in diesem Fall der Enkel, kaum leisten, aber ein Hörgerät. Der Hörakustiker stellt es genau auf den Verlust des Großvaters ein.

Die Sprachbanane zeigt in Diagrammform, welche Frequenzverluste welche Buchstaben betreffen.

Die sogenannte Sprachbanane zeigt in Diagrammform auf, welcher Frequenzverlust welche Buchstaben und Laute betrifft.


Hörverstehen

Auch bei anderen Frequenzen kann das Hören noch einwandfrei funktionieren. Dieses Chaos, das im Hörzentrum ankommt, führt dazu, dass das Gehirn das Gehörte falsch interpretiert. Zunehmend wird die Sprache nicht mehr verstanden. Das „Hörverstehen“ schwindet.
Hörakustiker ermitteln deswegen gemeinsam mit dem Hörbeeinträchtigten dessen exakten Hörverlust und beraten, welches Hörgerät diesen Verlust bestmöglich ausgleichen kann. Daraufhin passen sie dieses Hörsystem genau daran an, d.h., sie gleichen die Töne aus, die weggefallen sind. Nur so kann die Sprache nicht nur gehört, sondern auch wieder richtig interpretiert und verstanden werden. Ist das passende Hörgerät ausgesucht und individuell angepasst, ist das Hören wieder hergestellt.

Jetzt muss das Verstehen folgen. Dafür sind, abhängig von der Dauer der Hörentwöhnung, mehrere Anpassungsschritte nötig, um das beste Ergebnis zu erzielen. Gemeinsam mit dem Hörakustiker trainieren die Hörsystemträger das Verstehen. Mit einem Hörtraining wird aus dem Piepsen wieder Vogelgezwitscher.  Mit den Möglichkeiten der heutigen modernen Hörsysteme ist aber noch viel mehr möglich, auch gerade, was das Verstehen betrifft. Hörsysteme verbinden sich per Bluetooth-Technologie mit dem Smartphone zum Telefonieren oder leiten Simultanübersetzung direkt ins Ohr. Hörakustiker sorgen dafür, dass wir unsere Partner verstehen – leider nur akustisch, dafür aber auch auf Englisch, Französisch, Chinesisch oder Hindi. 


Augen und Ohren arbeiten zusammen

Das bessere Hörverstehen durch Blickkontakt hat nicht nur kognitive Gründe, sondern auch physiologische. Im Klartext heißt das: Wir verstehen unser Gegenüber nicht nur deshalb besser, weil wir uns im Gespräch ansehen und das Gesehene mit dem Gehörten verbinden. Tatsächlich bestimmt die Blickrichtung auch die Hörrichtung, denn unsere Ohren und Augen sind neurologisch miteinander verbunden. Demnach richten sich unsere Trommelfelle durch gezielte Bewegung und über den kleinen Knochen im Mittelohr aus. Auch die Haarsinneszellen können ihre Stellung ändern und damit das Richtungshören unterstützen. Das fanden Forscher der Duke University in Durham, North Carolina in einer Studie heraus.